Die 1934 gegossene c''-Glocke mit der Aufschrift ALLES FUER'S [sic!] VATERLAND ADOLF HITLER (Symbol: Hakenkreuz), im Besitz der politischen Gemeinde, hängt im Kirchturm der prot. Jakobskirche Herxheim am Berg.

Durch eine Brandstiftung wurden am Kerwesamstag 1934 die Kirche, der Turm und alle Glocken zerstört, auch die einst sogenannte „Polizeiglocke“, die dann im Dezember 1934 durch diese in Apolda (Thüringen) gegossene Glocke ersetzt wurde.

1942 mussten (wie zuvor schon 1917) zwei Glocken abgeliefert werden. Dies betraf die beiden Kirchenglocken, die kleinste Glocke, die Polizeiglocke der politischen Gemeinde, durfte als einzige Glocke im Turm verbleiben.
Während des Krieges war die Glocke zum „Signalläuten“ unverzichtbar geworden, insbesondere wenn kein Strom zur Verfügung stand.

Im Jahre 1951 erst war die Kirchengemeinde wieder in der Lage (Material, Geld fehlten zuvor), zwei Kirchenglocken anzuschaffen. Diese wurden tonlich mit der noch vorhandenen Glocke abgestimmt, so dass ein Moll-Dreiklang zu hören ist.

Die Läuteanlage im Kirchturm ist eine komplexe technische Einrichtung, verschlossen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Die Kirchengemeinde läutet im vollen Geläut (dem sogenannten "Plenum") , z.B. zum Einläuten eines Gottesdienstes, alle drei Glocken. Die reißerische Überschrift („Hochzeit unter Hitler-Glocke“) einer regionalen Tageszeitung ist irreführend. Bei der Einsegnung nach dem Trauversprechen und dem Segen läutet Glocke 2 mit der Inschrift: „Wir freuen uns, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“.

Dass das Vorhandensein der politischen Glocke unter den Teppich gekehrt wurde, ist eine bewusste oder ungewusste Irreführung. Im Jahre 2011 hat das Pfarramt aus Anlass „60 Jahre Kirchenglocken“ auf die Existenz der Glocke von 1934 in einer Presseinformation an die oben erwähnte regionale Tageszeitung mit dem Hinweis auf die besondere Kreuzform: „Hakenkreuz“ aufmerksam gemacht.

Die „Enthüllungsstory“, fortgeführt in vielen Medien (siehe hier vor allem die vielen Beiträge Internet), auf dem Hintergrund der geschichtlichen Bedingtheit und der Mitteilung des Pfarramtes im Juni 2011 zeigt sich als das, was sie ist.

Von der Inschrift nehmen wir inhaltlich Abstand und distanzieren uns.
Sie ist ein Zeitdokument.
Das menschenverachtende System im Dritten Reich hat viel unbeschreibliches Leid über Menschen gebracht.

In Predigten, Gesprächskreisen, Konfirmandenstunden verweisen wir auf das Bekenntnis von 1934 der Theologischen Erklärung zur Lage der Kirche („Barmer Theologische Erklärung“):

Wir nehmen uns die 1. These zu Herzen: Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes noch anderen Ereignissen und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen (Text: vgl. Evang. Gesangbuch, Textteil184).

Wir folgen der Empfehlung der amtlichen Glockensachverständigen der Evangelischen Kirche der Pfalz (Prot. Landeskirche), die auf die Denkmalbestimmungen hinweist.

Das Abschalten der Glocke würde zudem den Moll-Dreiklang auflösen und wäre akustisch eine Zumutung auch für musikalisch nicht sehr anspruchsvolle Menschen. Bis eine andere Glocke im Turm diese ersetzen könnte, mahnt uns das Geläut den biblischen und gottesdienstlichen Auftrag ernst zu nehmen und uns für Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit einzusetzen.

Wir empfehlen dem Gemeinderat der Ortsgemeinde Herxheim am Berg, durch die Glockensachverständige die Denkmalwürdigkeit der Glocke bei den zuständigen Behörden gesondert prüfen zulassen

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