Presseerklärung des Presbyteriums der Protestantischen Kirchengemeinde Herxheim am Berg

 

Das Presbyterium der Protestantischen Kirchengemeinde Herxheim am Berg hat in seiner Sitzung am 07.09.2017 beschlossen:

Bis auf Weiteres werden nur die beiden Kirchenglocken im Turm der protestantischen Jakobskirche Herxheim am Berg zum Gottesdienst einladen.

Glocke 3 wird nicht mehr benutzt.

Das Presbyterium möchte dadurch verhindern, dass rechtsradikale Kräfte angesprochen werden und dass das Geläut mit Glocke 3 zu einer Belastung für Menschen wird.

Die Protestantische Kirchengemeinde schließt sich der Initiative des Ortsgemeinderates Herxheim am Berg an und unterstützt den Aufruf „Zeichen gegen Rechts“.

Herxheim darf nicht für rechtes Gedankengut vereinnahmt werden.

Für das Presbyterium

Martin Krauß, 1. Vorsitzender
Helmut Meinhardt, Pfarrer



"Christi Kreuz hat keine Haken!" - Die Glocke in der Jakobskirche

„Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

Hochzeit unter Kirchenglocke!

Entgegen einer irreführenden und falschen Überschrift in einer regionalen Tageszeitung mit Monopolstellung im Mai dieses Jahres muss es richtig heißen: Hochzeit unter Kirchenglocke.

Bei der Einsegnung während eines Traugottesdienstes läutet nur eine Glocke im Turm der prot. Jakobskirche in Herxheim am Berg. Und dies ist eine der beiden 1951 gegossenen Kirchenglocken.

Die Inschrift der Glocke 2 lautet: Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind: Ton as’, gegossen 1951 / Schilling Heidelberg, 442 kg. Diese Glocke wird auch beim „Vater Unser“ geläutet! Die Inschrift auf der Hochzeitsglocke findet sich ohne Angabe der Fundstelle. Entnommen ist der Vers aus dem Lukasevangelium, Kapitel 10:

Dort heißt ab Vers 17: Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. [20] Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohl gefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, noch, wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen allein: Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben's nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben's nicht gehört.

Pfarrer und Gemeinde sind bestürzt und beschämt über das unbeschreibliche Leid, das vom nationalsozialistischen Terrorregime ausging. Gleichzeitig aber distanzieren sie sich in aller Form von der reißerischen Überschrift „Hochzeit unter Hitlerglocke“: Sie widerspricht ihrem Verständnis von seriöser Berichterstattung. Die Glocke im Moll-Dreiklang-Geläut erklingt zu festgelegten liturgischen Anlässen (Läuteordnung), das ist ihr ausschließlicher Zweck. In Kenntnis des historischen Hintergrundes – siehe die aktuelle Diskussion - ist das Läuten dieser Glocke im Glockenensemble aber auch als Mahnläuten zu verstehen.


Die 1934 gegossene c''-Glocke mit der Aufschrift ALLES FUER'S [sic!] VATERLAND ADOLF HITLER (Symbol: Hakenkreuz), im Besitz der politischen Gemeinde, hängt im Kirchturm der prot. Jakobskirche Herxheim am Berg.

Durch eine Brandstiftung wurden am Kerwesamstag 1934 die Kirche, der Turm und alle Glocken zerstört, auch die einst sogenannte „Polizeiglocke“, die dann im Dezember 1934 durch diese in Apolda (Thüringen) gegossene Glocke ersetzt wurde.

1942 mussten (wie zuvor schon 1917) zwei Glocken abgeliefert werden. Dies betraf die beiden Kirchenglocken, die kleinste Glocke, die Polizeiglocke der politischen Gemeinde, durfte als einzige Glocke im Turm verbleiben.
Während des Krieges war die Glocke zum „Signalläuten“ unverzichtbar geworden, insbesondere wenn kein Strom zur Verfügung stand.

Im Jahre 1951 erst war die Kirchengemeinde wieder in der Lage (Material, Geld fehlten zuvor), zwei Kirchenglocken anzuschaffen. Diese wurden tonlich mit der noch vorhandenen Glocke abgestimmt, so dass ein Moll-Dreiklang zu hören ist.

Die Läuteanlage im Kirchturm ist eine komplexe technische Einrichtung, verschlossen und war nie für die Öffentlichkeit zugänglich.

Die Kirchengemeinde läutet im vollen Geläut (dem sogenannten "Plenum") , z.B. zum Einläuten eines Gottesdienstes, alle drei Glocken.

Dass das Vorhandensein der politischen Glocke unter den Teppich gekehrt wurde, ist eine bewusste oder ungewusste Irreführung. Im Jahre 2011 hat das Pfarramt aus Anlass „60 Jahre Kirchenglocken“ auf die Existenz der Glocke von 1934 in einer Presseinformation an die oben erwähnte regionale Tageszeitung mit dem Hinweis auf die besondere Kreuzform: „Hakenkreuz“ aufmerksam gemacht.

Die „Enthüllungsstory“, fortgeführt in vielen Medien (siehe hier vor allem die vielen Beiträge Internet), auf dem Hintergrund der geschichtlichen Bedingtheit und der Mitteilung des Pfarramtes im Juni 2011 zeigt sich als das, was sie ist.

Von der Inschrift nehmen wir inhaltlich Abstand und distanzieren uns.
Sie ist ein Zeitdokument.

In Predigten, Gesprächskreisen, Konfirmandenstunden verweisen wir auf das Bekenntnis von 1934 der Theologischen Erklärung zur Lage der Kirche („Barmer Theologische Erklärung“):

Wir nehmen uns die 1. These zu Herzen: Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes noch anderen Ereignissen und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen (Text: vgl. Evang. Gesangbuch, Textteil 184).

Nach oben